Projekt

Zusammenfassung


Das wissenschaftliche Netzwerk nimmt mit der ars dictaminis eine Quellengattung in den Blick, die bislang von der historischen Forschung fast völlig ignoriert wurde und auch von philologischer Seite aufgrund einer noch völlig unbefriedigenden Editionslage allenfalls oberflächlich erforscht worden ist. Ein umfassendes Werk, Handbuch oder gar eine Monographie wissenschaftlichen Zuschnittes fehlt bis heute. Dabei lassen sich die artes dictandi als Lehrbücher über das stil- und gesellschaftskonforme Verfassen von öffentlichen Schreiben als unmittelbare Vorgaben für die ,richtige' Kommunikation lesen. Zudem wirken die in ihnen etablierten Vorstellungen über die Rezipienten affirmativ und normativ in die Gesellschaft zurück. In einigen rezenten Studien konnte der Quellenwert auch für historische Fragestellungen zutage gefördert werden. So wurde der Beginn der Gattung zuletzt mit den neuen Anforderungen des Reformpapsttums in der Mitte des 11. Jhs. in Verbindung gebracht. Zudem konnten die artes dictandi des 12. Jhs. mit ihren normativen Aussagen als eine Quelle genutzt werden, die eine Innensicht auf die sich entwickelnden oberitalienischen Kommunen gewährt. Weiter konnten die ersten französischen artes dictandi aufgrund neuester Handschriftensichtungen mit den politischen Ambitionen Bernhards von Clairvaux in Einklang gebracht werden. Und schließlich ließen sich die Briefe Friedrichs II. als Mittel der Macht nachweisen. Diese jüngsten Fortschritte ermutigen zur Arbeit des Netzwerks mit einer doppelten Zielsetzung.

So soll 1. (inhaltlich) erstmals eine auf kollektiver Quellenkenntnis basierende und die historisch-gesellschaftlichen Implikationen einbeziehende Entwicklungsgeschichte der ars dictaminis in all seinen mittelalterlichen Stadien erarbeitet werden.

2. Methodisch soll es darum gehen, Zugänge und Theorien im Umgang mit dieser Quellengattung zu entwickeln und zu erproben, die es erlauben, die Wechselwirkungen von rhetorischer Lehre und sozialer Praxis zu analysieren.

Ziele


Das geplante Netzwerk soll - erstens - auf Grundlage der zahlreichen laufenden Editionsvorhaben und mithilfe der digital vorliegenden Texte eine fundierte, quellengestützte Analyse der Wirkungsgeschichte und der Textabhängigkeiten einzelner artes dictandi ermöglichen.

Durch die parallel laufende philologische Grundlagenarbeit wird erstmals die Voraussetzung für eine Gattungsgeschichte geschaffen, die in dem ersten Überblickswerk zu der Gattung überhaupt, in einem Handbuch des dictamen, münden wird.

Dass dieses Handbuch nicht in der philologischen Bestandsaufnahme ihr Ende findet, soll vermieden werden durch die konsequente Historisierung und Kontextualisierung der einzelnen artes dictandi, indem diese als Ausdruck eines gesellschaftlichen Diskurses verstanden und analysiert werden. So verfolgt das Netzwerk neben der eher philologischen Tätigkeit - zweitens - auch das Ziel, die Anschlussfähigkeit an genuin historisch-soziologische Fragen zu demonstrieren und gegebenenfalls methodisch neu zu justieren.

Für beide Ziele bietet die Auswahl der beteiligten Wissenschaftler beste Voraussetzungen. So werden alle Stadien der mittelalterlichen ars dictandi durch entsprechende Fachleute und deren laufende oder gerade abgeschlossene Editionsvorhaben abgedeckt. Zudem haben alle Mitglieder bereits in eigenen Fallstudien sehr überzeugend anhand spezifischer Einzelwerke die Wechselwirkung von theoretischer Briefrhetorik und sozialer Praxis in den Blick genommen.

Arbeitsformen


Die Arbeit des geplanten Netzwerkes ruht auf zwei Säulen.

1. Auf vier Arbeitstreffen in Bonn, Berlin, München und nochmals Bonn werden das Arbeitsprogramm konzipiert, die einzelnen projektrelevanten Aufgaben delegiert und immer wieder miteinander abgestimmt. Zwischenergebnisse werden regelmäßig vorgestellt, diskutiert und miteinander in Einklang gebracht.

2. Es wird ein digitales Kommunikationsnetzwerk auf elektronischer Basis errichtet, das in erster Linie dazu dient, die anstehenden Texte untereinander digital zur Verfügung zu stellen, um sie für vergleichende Textarbeit innerhalb des geplanten Netzwerkes nutzbar zu machen.


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